Pillar-Guide
Kreatin: Was die Studien wirklich zeigen
Kreatin ist das einzige Supplement in unserem Vergleich mit einem von der EFSA zugelassenen Wirkversprechen: Es erhöht die körperliche Leistung bei kurzen, intensiven Belastungen, ab 3 g täglich. Für den Muskelaufbau über das Training ist die Datenlage solide. Den Testosteronspiegel hebt es nach der Mehrheit der Studien dagegen nicht an.
Warum ist die Studienlage bei Kreatin so gut?
Kreatin ist ein körpereigener Stoff. Der Körper stellt täglich etwa 1 g selbst her, gespeichert wird es zu rund 95 Prozent in der Muskulatur, wo es als Phosphokreatin die schnelle Wiederherstellung von ATP ermöglicht, dem unmittelbaren Energieträger der Zelle. Genau deshalb wirkt es dort, wo Energie in Sekunden gebraucht wird: beim schweren Satz, beim Sprint, beim Sprung.
Kein anderes Nahrungsergänzungsmittel wurde so oft in kontrollierten Studien geprüft. Die Internationale Gesellschaft für Sporternährung zählt in ihrem Positionspapier hunderte Untersuchungen und stuft Kreatin-Monohydrat als das wirksamste legale Supplement zur Steigerung der Leistung bei hochintensiven Belastungen ein. Das ist eine andere Ausgangslage als bei fast allem, was wir sonst auf dieser Seite prüfen: Hier muss niemand Einzelstudien zu einer Hoffnung zusammenkleben.
Für die Einordnung auf dieser Seite gilt trotzdem dieselbe Regel wie überall: Wir bewerten pro Endpunkt, nicht pauschal. Denn ein Stoff, der für Kraft solide belegt ist, kann für Hormone oder Gehirn trotzdem auf dünnem Eis stehen. Genau so liegt der Fall hier.
Wirkung auf Kraft und Muskelaufbau
Der Kern ist behördlich abgesegnet: Die EFSA hat 2011 den Gesundheitsclaim zugelassen, dass Kreatin die körperliche Leistung bei Schnellkrafttraining im Rahmen kurzzeitiger intensiver Belastungen erhöht, bei einer Tagesdosis von 3 g. Das ist bemerkenswert, weil dieselbe Behörde die allermeisten Supplement-Versprechen abräumt und Tongkat Ali 2021 sogar die Sicherheitsbewertung verweigert hat.
Der Muskelaufbau selbst läuft indirekt: Kreatin baut keinen Muskel, es erlaubt mehr Wiederholungen und schwerere Sätze, und dieser größere Trainingsreiz führt über Wochen zu mehr Muskelmasse. Metaanalysen zeigen bei Krafttrainierenden konsistent einen Zuwachs an fettfreier Masse gegenüber Placebo, typischerweise in der Größenordnung von ein bis zwei Kilogramm über eine Trainingsphase, wovon ein Teil Wassereinlagerung in der Muskelzelle ist.
Zwei ehrliche Einschränkungen gehören dazu. Erstens: Rund 20 bis 30 Prozent der Anwender sind sogenannte Non-Responder, ihre Speicher sind von Natur aus schon gut gefüllt, meist durch fleischreiche Ernährung, und der Effekt bleibt klein. Zweitens gilt das Umgekehrte: Vegetarier und Menschen mit niedrigen Ausgangsspeichern reagieren am deutlichsten. Das gleiche Muster, niedriger Ausgangswert gleich größter Effekt, kennst du von dieser Seite bereits von Zink und Vitamin D beim Testosteron.
| Endpunkt | Studienlage | Bewertung |
|---|---|---|
| Kraft bei kurzen, intensiven Belastungen | Von der EFSA zugelassener Claim, hunderte kontrollierte Studien | Solide |
| Muskelaufbau (mit Krafttraining) | Metaanalysen zeigen Zuwachs an fettfreier Masse über den Trainingsreiz | Solide |
| Testosteron | Mehrheit der kontrollierten Studien findet keinen Anstieg | Nicht belegt |
| Gehirn und Kognition | Gemischte Ergebnisse, Effekte vor allem bei Schlafmangel und Vegetariern | Dünn |
| Stimmung und Depression | Einzelne kleine Studien als Ergänzung zu ärztlicher Therapie | Dünn |
| Leistung ohne Training | Speicher füllen sich, Leistungseffekt fehlt ohne Trainingsreiz | Nicht belegt |
Erhöht Kreatin Testosteron?
Nein, jedenfalls nicht nach dem, was sich messen lässt. Die Mehrheit der kontrollierten Studien findet unter Kreatin keinen nennenswerten Anstieg des Gesamt- oder freien Testosterons. Das passt zur Wirkweise: Kreatin füllt Energiespeicher im Muskel, es greift nicht in die Hormonachse ein.
Der Mythos hat trotzdem eine reale Quelle. Eine südafrikanische Studie an Rugby-Spielern fand 2009 nach einer Ladephase einen deutlichen Anstieg des Abbauprodukts DHT, also nicht des Testosterons selbst. Die Untersuchung war klein, die Werte blieben im Normalbereich, Haarausfall wurde gar nicht gemessen, und in den mehr als fünfzehn Jahren seither hat keine Folgestudie den Befund bestätigt. Was dieser eine Ausreißer für die Haarausfall-Angst bedeutet, nehmen wir uns auf der Seite zu den Kreatin Nebenwirkungen im Detail vor.
Praktisch heißt das: Wer Kreatin nimmt, um den Testosteronspiegel zu heben, nimmt es aus dem falschen Grund. Was den Spiegel tatsächlich messbar bewegt, allen voran Schlaf, Gewicht und Krafttraining, haben wir in unserem großen Testosteron-Guide nach Evidenz sortiert. Die Pointe dort: Krafttraining gehört zu den belegten Hebeln, und Kreatin macht genau dieses Training produktiver. Der Umweg ist ehrlicher als das Direktversprechen.
Wirkung auf Gehirn und Psyche
Auch das Gehirn verbraucht Phosphokreatin, und daraus ist ein eigenes Forschungsfeld geworden. Eine systematische Auswertung von sechs randomisierten Studien fand Hinweise auf Verbesserungen bei Kurzzeitgedächtnis und logischem Denken, am ehesten bei Vegetariern, älteren Menschen und unter Stress oder Schlafmangel. Bei ausgeschlafenen, gemischt ernährten jungen Erwachsenen zeigt sich dagegen oft wenig bis nichts.
Zur Stimmung existieren einzelne kleine Studien, in denen Kreatin als Ergänzung zu einer ärztlich verordneten Therapie geprüft wurde, mit vorsichtig positiven Signalen. Das ist Forschung im Frühstadium, keine Behandlungsoption zum Selbstbauen: Wer an einer Depression leidet, gehört in ärztliche Hände, nicht in den Supplement-Regal-Modus. Unsere Bewertung für alles rund um Kopf und Psyche lautet deshalb Dünn: interessant, aber zu früh für Versprechen.
Kreatin für Frauen
Die Sorge, Kreatin sei ein Männer-Bodybuilder-Stoff, der Frauen aufschwemmt, hält sich hartnäckig und ist in der Literatur nicht gedeckt. Eine Übersichtsarbeit von 2021 zur Anwendung bei Frauen kommt zum gegenteiligen Schluss: Frauen haben von Natur aus etwa 70 bis 80 Prozent niedrigere Kreatinspeicher als Männer und könnten deshalb sogar besonders profitieren, bei Kraft und Muskelerhalt ebenso wie möglicherweise bei Stimmung und Kognition rund um Wechseljahre und Zyklus.
Die Kraftdaten bei Frauen sind belastbar, alles Hormonell-Stimmungsbezogene fällt in dieselbe Kategorie Dünn wie oben. Die gefürchtete Wassereinlagerung findet in der Muskelzelle statt, nicht unter der Haut, und fällt bei den üblichen 3 g ohne Ladephase gering aus.
Was bringt Kreatin ohne Training?
Weniger, als die Werbung suggeriert. Die Speicher füllen sich zwar auch bei Nichtsportlern, aber der Hauptnutzen von Kreatin entsteht erst im Zusammenspiel mit einem Trainingsreiz: mehr Leistung im Satz, daraus mehr Anpassung. Ohne Reiz gibt es nichts zu verstärken, und Studien an Untrainierten ohne Trainingsprogramm zeigen entsprechend kaum Effekte auf Muskeln oder Kraft.
Zwei Ausnahmen sind diskutabel. Erstens die genannten Gehirn-Endpunkte, die nicht vom Training abhängen, aber eben dünn belegt sind. Zweitens ältere Menschen mit Muskelschwund: Auch hier zeigen die besten Ergebnisse sich in Kombination mit Krafttraining, nicht statt Krafttraining. Die unbequeme Wahrheit bleibt dieselbe wie überall auf dieser Seite: Die Kapsel ersetzt nicht die Arbeit, sie macht die Arbeit höchstens ergiebiger.
Ab wann wirkt Kreatin?
Kreatin wirkt nicht akut wie Koffein, sondern über die Sättigung der Speicher. Mit 3 bis 5 g täglich sind die Muskelspeicher nach etwa drei bis vier Wochen voll, mit einer klassischen Ladephase von 20 g täglich schon nach rund einer Woche. Spürbar wird das meist zuerst am Gewicht, ein bis zwei Kilogramm Wasser in der Muskulatur, dann an der einen zusätzlichen Wiederholung am Satzende.
Alles Weitere zur Praxis, also Dosierung nach Körpergewicht, Zeitpunkt, Ladephase und wie lange man es nehmen darf, steht auf unserer eigenen Seite zur Kreatin Einnahme, damit hier der Studienüberblick bleibt und dort die Zahlen stehen.
Wie sicher ist Kreatin, und wo steht es im Vergleich?
Kurzfassung: Bei gesunden Erwachsenen gilt Kreatin in den üblichen Dosen als eines der bestuntersuchten und sichersten Supplemente überhaupt, das deutsche BfR hat für Nahrungsergänzungsmittel eine Tageshöchstmenge von 3 g vorgeschlagen. Die Dauerbrenner-Ängste, Haarausfall, Nierenschäden, Hormonchaos, haben wir mit allen Studien auf der Seite Nebenwirkungen von Kreatin auseinandergenommen, inklusive der Frage, warum ein erhöhter Kreatininwert im Blutbild kein Nierenschaden ist.
Im Vergleich des gesamten Portfolios ist die Lage fast ironisch: Tongkat Ali, der Namensgeber dieser Seite, hat keine EU-Zulassung und eine offene Sicherheitsfrage. Kreatin hat das Gegenteil, einen zugelassenen Claim und Jahrzehnte an Sicherheitsdaten, verspricht dafür aber nichts über Hormone. Wer nur ein einziges Supplement zum Krafttraining ergänzen will, findet in der Studienlage kein besser abgesichertes. Wer sich Testosteron davon erhofft, wird nüchtern enttäuscht, und genau diese Nüchternheit ist der Grund, warum wir es so klar einordnen können.
Woran erkennst du, ob es bei dir wirkt?
Weil 20 bis 30 Prozent kaum reagieren, lohnt ein nüchterner Selbstcheck statt Wunschdenken. Drei Signale sind brauchbar. Erstens die Waage in den ersten drei bis vier Wochen: Bleibt das typische Wasserkilo komplett aus, spricht das für bereits gut gefüllte Speicher. Zweitens das Trainingstagebuch über sechs bis acht Wochen: Eine bis zwei zusätzliche Wiederholungen bei gleichem Gewicht in den schweren Grundübungen sind die realistische Größenordnung, nicht mehr. Drittens die Gegenprobe nach dem Absetzen, wenn die Leistung nach einigen Wochen leicht zurückgeht.
Wichtig ist der Maßstab: Kreatin liefert einen kleinen, aber echten Vorsprung obendrauf, es verwandelt niemanden. Wer nach zwei Monaten sauberer Einnahme und dokumentiertem Training keinen Unterschied sieht, verliert durch das Absetzen nichts außer einer Ausgabe, und genau diese Überprüfbarkeit unterscheidet Kreatin angenehm von Substanzen, deren Effekt sich nur im Werbetext zeigt.
Kreatingehalt in Lebensmitteln
| Lebensmittel | Kreatin, grob pro kg | Menge für 3 g |
|---|---|---|
| Hering | 6–10 g | ca. 300–500 g |
| Schweinefleisch | ca. 5 g | ca. 600 g |
| Rindfleisch | ca. 4,5 g | ca. 650 g |
| Lachs | ca. 4,5 g | ca. 650 g |
| Milch | ca. 0,1 g | nicht praktikabel |
| Pflanzliche Lebensmittel | praktisch 0 g | nicht möglich |
Die Tabelle erklärt nebenbei, warum Vegetarier am stärksten auf eine Ergänzung reagieren: Ihre Zufuhr über die Nahrung liegt nahe null, die Speicher sind entsprechend niedriger gefüllt. Beim Kochen geht zudem ein Teil des Kreatins verloren, die realen Mengen aus zubereitetem Fleisch liegen also noch unter den Rohwerten.
Deutlich schwächer sieht die Lage bei den Pflanzen aus, die im selben Regal stehen. Für Maca etwa fehlen belastbare Studien zu Muskelmasse vollständig, was der Endpunkt-Tabelle zu Maca im Einzelnen aufschlüsselt.
Ist Kreatin wirklich sinnvoll?
Für Kraft bei kurzen, intensiven Belastungen ja: Kreatin trägt hier ab 3 g täglich nachweislich zur Leistung bei, das ist als einziges Wirkversprechen in diesem Vergleich von der EFSA zugelassen. Wer weder Krafttraining noch Sprintbelastungen absolviert, hat davon allerdings wenig.
Was bringt Creatin ohne Training?
Die Muskelspeicher füllen sich auch ohne Training, ein Leistungs- oder Muskelzuwachs bleibt ohne Trainingsreiz aber weitgehend aus. Studien deuten auf mögliche Effekte für das Gehirn hin, etwa bei Schlafmangel, diese Datenlage ist jedoch dünn.
Erhöht Kreatin Testosteron?
Nach der Mehrheit der kontrollierten Studien nicht. Eine einzelne Untersuchung von 2009 fand einen Anstieg des Abbauprodukts DHT, nicht des Testosterons selbst, und wurde nie bestätigt. Kreatin wirkt über die Energiespeicher im Muskel, nicht über Hormone.
Welche Lebensmittel enthalten Kreatin?
Vor allem Fleisch und Fisch: Rind, Schwein und Lachs liefern grob 4 bis 5 g pro Kilogramm, Hering noch mehr. Um auf 3 g zu kommen, müsste man täglich über ein halbes Kilo Fleisch essen. Pflanzliche Lebensmittel enthalten praktisch kein Kreatin, weshalb Vegetarier niedrigere Speicher haben.
- EFSA NDA Panel (2011). Scientific Opinion on the substantiation of health claims related to creatine. EFSA Journal 9(7):2303. EFSA-Gutachten
- Kreider, R. B. et al. (2017). ISSN position stand: safety and efficacy of creatine supplementation. J Int Soc Sports Nutr 14:18. PubMed-Eintrag
- Antonio, J. et al. (2021). Common questions and misconceptions about creatine supplementation. J Int Soc Sports Nutr 18:13. Übersicht ansehen
- van der Merwe, J., Brooks, N. E., Myburgh, K. H. (2009). Three weeks of creatine monohydrate supplementation affects dihydrotestosterone to testosterone ratio in college-aged rugby players. Clin J Sport Med 19(5):399–404. PubMed-Eintrag
- Avgerinos, K. I. et al. (2018). Effects of creatine supplementation on cognitive function of healthy individuals: a systematic review. Exp Gerontol 108:166–173. Review ansehen
- Smith-Ryan, A. E. et al. (2021). Creatine supplementation in women's health: a lifespan perspective. Nutrients 13(3):877. Übersicht ansehen
- Weißenborn, A. et al. / BfR (2018). Höchstmengen für Kreatin und weitere Stoffe in Nahrungsergänzungsmitteln. J Consum Prot Food Saf 13:25–39. Veröffentlichung ansehen
Über den Autor
Rainer Lang
Herausgeber von tongkatali.de · Bachelor of Business Administration
Rainer Lang ist seit über 25 Jahren aktiver Kraftsportathlet und testet ebenso lange Nahrungsergänzungsmittel am eigenen Körper. Nichts auf dieser Seite ersetzt eine ärztliche Beratung.
Für tongkatali.de liest er die Originalstudien sowie die Bewertungen von EFSA, BfR und EMA. Mehr über den Autor und die Arbeitsweise.