Risikobewertung
Ist Tongkat Ali gefährlich? Was die EFSA-Bewertung zeigt
Die EFSA kam 2021 zu dem Ergebnis, dass Tongkat-Ali-Wurzelextrakt das Potenzial hat, DNA-Schäden auszulösen, und dass seine Sicherheit unter keiner Verwendungsbedingung als belegt gilt. Das ist keine Feststellung eines nachgewiesenen Schadens beim Menschen, sondern ein ungeklärtes Sicherheitssignal, das für eine Zulassung nicht ausreicht.
Diese Seite fasst eine behördliche Risikobewertung zusammen. Sie ist keine medizinische Beratung. Bei gesundheitlichen Fragen ist ärztlicher Rat der richtige Weg.
Was genau hat die EFSA festgestellt?
Bewertet wurde ein standardisierter wasserlöslicher Wurzelextrakt, der als Nahrungsergänzung mit bis zu 200 mg pro Tag für Erwachsene beantragt war, ausgenommen Schwangere und Stillende. Die charakteristischen Bestandteile waren 40 bis 65 Prozent Glykosaponine und 0,8 bis 1,5 Prozent Eurycomanon.
Zwei Befunde waren ausschlaggebend. Ein In-vitro-Chromosomenaberrationstest fiel positiv aus, was auf klastogene, also chromosomenschädigende Eigenschaften hindeutet. In einem daraufhin angeforderten In-vivo-Comet-Assay zeigten sich bei der höchsten geprüften Dosis von 2.000 mg pro Kilogramm Körpergewicht positive Ergebnisse in Magen und Zwölffingerdarm, also an den ersten Kontaktstellen. Die histopathologische Auswertung sprach dafür, dass die Befunde eher auf Genotoxizität als auf allgemeine Zellschädigung zurückgehen.
Wie ist dieser Befund einzuordnen?
Ein positives Genotoxizitätssignal bedeutet nicht, dass ein Schaden beim Menschen belegt ist. Die getestete Dosis im Tierversuch lag um ein Vielfaches über der beantragten Verzehrmenge. Gleichzeitig gilt in der europäischen Lebensmittelbewertung ein strenger Maßstab: Bleiben Hinweise auf DNA-Schäden ungeklärt, lässt sich keine sichere Aufnahmemenge ableiten, und der Antrag scheitert.
Genau das ist hier geschehen. Die Behörde hat nicht festgestellt, dass Tongkat Ali schädlich ist, sondern dass die vorgelegten Daten nicht ausreichen, um die Unbedenklichkeit zu zeigen. Dieser Unterschied wird in der Diskussion häufig verwischt, in beide Richtungen.
| Häufiges Argument | Was die Bewertung dazu hergibt |
|---|---|
| "Wird in Asien seit Jahrhunderten genutzt" | Traditionelle Verwendung ersetzt keine Sicherheitsdaten, sie war der EFSA bekannt |
| "Die Dosis im Test war viel zu hoch" | Zutreffend, ändert aber nichts daran, dass der In-vitro-Befund ungeklärt blieb |
| "Studien zeigen doch positive Effekte" | Wirksamkeitshinweise und Sicherheitsnachweis sind zwei getrennte Fragen |
| "Es ist nur in der EU verboten" | Andere Länder wenden andere Maßstäbe an, der Befund selbst bleibt bestehen |
Wer sollte besonders vorsichtig sein?
Der EFSA-Antrag selbst schloss Schwangere und Stillende ausdrücklich aus, weil für diese Gruppen keine Daten vorlagen. Ebenso fehlen Daten für Kinder und Jugendliche. Bei bestehenden Erkrankungen, insbesondere hormonabhängigen Erkrankungen, sowie bei laufender Medikation ist die Datenlage zu Wechselwirkungen dünn bis nicht vorhanden.
Hinzu kommt ein Risiko, das nichts mit der Pflanze selbst zu tun hat: Weil es keinen regulierten EU-Markt gibt, entfällt auch die reguläre Marktüberwachung. Welche Folgen das für Herkunft und Reinheit von Ware hat, beschreiben wir auf der Seite zum Kauf von Tongkat Ali.
Gefährlich oder nur nicht zugelassen?
Beides trifft einen Teil der Wahrheit. Rechtlich ist der Stoff in der EU nicht verkehrsfähig. Wissenschaftlich steht ein ungeklärtes Genotoxizitätssignal im Raum, das bislang niemand entkräftet hat. Was daraus für den einzelnen Menschen folgt, lässt sich aus den vorliegenden Daten nicht beziffern.
Kurzfristig berichtete Effekte wie Schlafstörungen oder Unruhe sind davon zu trennen. Diese sammeln wir auf der Seite zu Tongkat Ali Nebenwirkungen. Was die Wirksamkeitsforschung zeigt, steht in unserem großen Tongkat-Ali-Guide.
Was ein Comet-Assay eigentlich misst
Der Comet-Assay ist ein Standardverfahren der Genotoxizitätsprüfung. Zellen werden in ein Gel eingebettet und einem elektrischen Feld ausgesetzt. Ist die DNA gebrochen, wandern die Bruchstücke schneller und bilden eine Schweifform, die an einen Kometen erinnert. Je ausgeprägter der Schweif, desto mehr DNA-Schäden liegen vor.
Im Fall von Tongkat Ali zeigte sich dieser Effekt an Magen und Zwölffingerdarm, also dort, wo der Extrakt zuerst auf Gewebe trifft. Die Behörde prüfte zusätzlich, ob die Befunde durch absterbende Zellen erklärbar wären, und verneinte dies auf Basis der Gewebeuntersuchung. Damit blieb Genotoxizität als plausibelste Erklärung stehen.
Der Chromosomenaberrationstest im Reagenzglas ergänzt dieses Bild. Er prüft, ob Chromosomen strukturell verändert werden. Auch dieser Test fiel positiv aus. Zwei unabhängige Verfahren mit derselben Richtung sind der Grund, warum die Bewertung so eindeutig ausfiel.
Warum die Bewertung nicht einfach revidiert wird
Ein negatives Gutachten ist keine endgültige Entscheidung über einen Stoff, sondern über einen konkreten Antrag mit konkreten Daten. Ein Unternehmen kann jederzeit neue Untersuchungen vorlegen, etwa mit einem anders hergestellten Extrakt oder mit erweiterten Prüfungen, die das Genotoxizitätssignal klären.
Genau daran hakt es. Solche Studien sind aufwendig und teuer, und der europäische Markt ist für einen einzelnen Rohstoffanbieter überschaubar. Solange niemand diesen Aufwand betreibt, bleibt der Status unverändert. Die Abwesenheit einer Zulassung ist deshalb auch eine wirtschaftliche Frage, nicht nur eine wissenschaftliche.
Was Anwender daraus praktisch ableiten können
Drei Punkte sind belastbar. Erstens: Ein Sicherheitsnachweis existiert nicht, und das ist eine Tatsache, keine Meinung. Zweitens: Das offene Signal betrifft DNA-Schäden, also eine Kategorie, deren mögliche Folgen sich erst über lange Zeiträume zeigen würden und die in kurzen Studien unsichtbar bleibt. Drittens: Ohne regulierten Markt kommt zum Stoffrisiko ein Produktrisiko hinzu, weil Herkunft und Zusammensetzung nicht überprüfbar sind.
Was daraus folgt, ist eine persönliche Abwägung, die niemand für einen anderen treffen kann. Diese Seite liefert die Grundlage dafür, keine Empfehlung. Bei bestehenden Erkrankungen oder laufender Medikation gehört die Frage in ein ärztliches Gespräch.
Wie sich die EU-Bewertung von anderen Ländern unterscheidet
In Malaysia ist Tongkat Ali ein regulierter, etablierter Rohstoff, in den Vereinigten Staaten fällt er unter Nahrungsergänzungsmittel, die vor dem Verkauf keine Zulassung benötigen. Daraus wird häufig geschlossen, die europäische Bewertung sei überzogen.
Der Vergleich hinkt jedoch, weil die Systeme unterschiedlich funktionieren. Die EU verlangt einen Sicherheitsnachweis, bevor ein neuartiges Lebensmittel auf den Markt darf. Andere Systeme lassen den Verkauf zu und greifen erst ein, wenn Probleme auffallen. Ein Produkt kann also in beiden Systemen dieselbe Datenlage haben und trotzdem unterschiedlich behandelt werden.
Damit ist die Verfügbarkeit in Drittländern kein Argument gegen den Befund. Sie zeigt lediglich, dass dort ein anderer Nachweis verlangt wird, nämlich keiner.
Was über Eurycomanon bekannt ist
Eurycomanon ist der bekannteste Inhaltsstoff der Wurzel und gehört zur Gruppe der Quassinoide. In Zellversuchen zeigen Quassinoide antiproliferative Eigenschaften, sie hemmen also das Wachstum von Zellen. Diese Eigenschaft wird in der Forschung teilweise als möglicher Ansatzpunkt diskutiert, sie ist aber zugleich der Grund, warum Genotoxizitätsfragen bei dieser Stoffgruppe besonders sorgfältig geprüft werden.
Der bewertete Extrakt enthielt 0,8 bis 1,5 Prozent Eurycomanon. Ob der beobachtete Effekt auf diesen Stoff, auf einen anderen Bestandteil oder auf das Zusammenwirken zurückgeht, wurde nicht abschließend geklärt. Diese offene Zuordnung ist ein weiterer Grund, warum eine sichere Aufnahmemenge nicht abgeleitet werden konnte.
Was genau hat die EFSA bemängelt?
Einen positiven In-vitro-Chromosomenaberrationstest und positive Ergebnisse eines In-vivo-Comet-Assays in Magen und Zwölffingerdarm. Daraus folgte, dass die Sicherheit unter keiner Verwendungsbedingung als belegt gilt.
Ist Tongkat Ali sicherer als eine Testosterontherapie?
Diese Frage lässt sich mit den vorliegenden Daten nicht beantworten. Eine ärztlich begleitete Therapie wird überwacht und dosiert, ein nicht zugelassenes Extrakt aus unklarer Quelle nicht. Ein direkter Sicherheitsvergleich existiert nicht.
Wer sollte besonders vorsichtig sein?
Schwangere, Stillende, Kinder und Jugendliche wurden von der Bewertung ausgenommen. Bei hormonabhängigen Erkrankungen und laufender Medikation fehlen Daten zu Wechselwirkungen weitgehend.
- EFSA NDA Panel (2021). Safety of Eurycoma longifolia (Tongkat Ali) root extract as a novel food. EFSA Journal 19(12):6937. EFSA-Gutachten
- Verordnung (EU) 2015/2283 über neuartige Lebensmittel. Verordnungstext bei EUR-Lex